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Banken erfinden Geld aus Luft
(27.01.2011) derStandard.at-Interview von Daniela Rom | Warum das Finanzsystem ein Betrugsmodell ist, was Bilanzen damit zu tun haben und warum der ultimative Crash droht, erklärt der Wiener Wirtschaftwissenschafter Franz Hörmann

"Es gibt ein systemisches Betrugsmodell einer Institution, der in unserem Wirtschaftssystem das Monopol zur Geldschöpfung über Kredite eingeräumt wird", meint Franz Hörmann.
derStandard.at: Sie gehen davon aus, dass sich Gesellschaft und Wirtschaft in den kommenden Jahren völlig verändern werden. Hat unser derzeitiges Finanz- und Wirtschaftssystem ausgedient?
Franz Hörmann: Definitiv in jeder Hinsicht. Weil wir aus Sicht der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften Modelle verwenden, die auf die alten Römer zurückgehen. Das Zinseszinssystem stammt aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend, die doppelte Buchhaltung aus dem 15. Jahrhundert. Und es gibt keinen Bereich unserer Gesellschaft und der Wissenschaften, wo Methoden dieses Alters überhaupt noch ernst genommen werden. Aber es dient dazu, gesellschaftliche Eliten mächtig und reich zu erhalten, deswegen ändert sich nichts.
derStandard.at: Läutete die Krise nun ein Umdenken ein?
Hörmann: Das denke ich schon. Die heutige Krise geht von den Banken aus. Banken erfinden im Kreditprozess Geld. Wenn man aber Geld aus Luft erfindet und das, was vorher noch nicht existiert hat, verzinst weiter gibt und dinglich absichern lässt, dann ist das, wenn das Geschäftsmodell schief geht, in Wahrheit ein Enteignungsmodell. Das ist auch der Hintergrund des Bankgeheimnisses. Banken können überhaupt nicht offenlegen, wo beispielsweise die Zinsen für Sparbücher, Bausparverträge oder Sonstiges herkommen. Denn wenn sie das täten, müssten sie zugeben, dass das alles in Wirklichkeit verkettete Pyramidenspiele sind. Diese verdeckte Geldmengenausweitung hat mit der doppelten Buchführung begonnen. Weil wenn man mit Geld eine Sache kauft, dann wechselt das Geld in Wahrheit den Besitzer. Der Verkäufer hat das Geld, der Käufer hat die Sache. Ab dem Moment ist die Sache aus wissenschaftlicher Sicht nicht mehr in Geld bewertbar. Trotzdem schreiben wir diese Geldbeträge in Bilanzen rein.
derStandard.at: Den Banken und dem Finanzsystem zu vertrauen ist also ein Fehler?
Hörmann: Das Vertrauen ist ja in den letzten Jahren von den Banken systematisch missbraucht worden. Es gibt ein systemisches Betrugsmodell einer Institution, der in unserem Wirtschaftssystem das Monopol zur Geldschöpfung über Kredite eingeräumt wird. Solange man mit Eigenkapital als Sicherheit zur Bank geht und die erzeugt aus Luft echtes Geld, das eine Zahlungsmittelfunktion hat, haben wir ein Problem. Eigenkapital ist eben kein Geld, es ist eine Rechengröße. Nach irgendwelchen Regeln wird die Aktivseite bewertet und dann die Schulden abgezogen. Wenn ich ein drei Meter langes Brett habe und ziehe ein zwei Meter langes Brett ab, dann hab ich immer noch kein ein Meter langes Brett, ich habe eine Differenz. Wenn ich ein ein Meter langes Brett haben will, dann muss ich die zwei Meter abschneiden. Ökonomisch heißt das, ich muss die Aktiva liquidieren, damit ich das Geld kriege. Zu Liquidationserlösen sind aber alle Unternehmen weltweit pleite. Auch Staaten können sich daher in Wirklichkeit gar nicht verschulden. Ein Staat, wenn man ihn als Summe des gesamten Geldflusses versteht, wo soll sich der verschulden? Warum gerade bei einer Privatbank? Ein Staat müsste sein Geld eigentlich selbst erzeugen, und zwar basisdemokratisch.
derStandard.at: Was ist dann von einer Rettung wie im Falle Griechenlands zu halten?
Hörmann: Die europäischen Länder haben nicht unbedingt die Griechen gerettet, sondern ihre eigenen, in erster Linie die deutschen Banken, die hier absurde Kredite vergeben haben. Die Zusammenhänge sind auch völlig absurd, wenn man sich Folgendes überlegt: Der Staat verschuldet sich bei den Banken, um die Zinsen der Schulden, die er bei den Banken hat, zu begleichen oder um die Banken zu retten, bei denen er selber Schulden hat. Da versteht ja keiner mehr, wer eigentlich bei wem Schulden hat und was Schulden eigentlich sind.
derStandard.at: Die Systemrelevanz von Banken und das "too big to fail"-Argument und die Bankenrettungspakete sind für Sie also reines Eigeninteresse?
Hörmann: Das "Too big to fail" ist ja ein Geschäftsmodell. Es gibt erwiesenermaßen die gezielte Absicht, Banken durch Übernahmen immer größer zu machen, damit sie "too big to fail" werden. Die Verknüpfungen zwischen Finanzwirtschaft und Politik sind enorm. Eigentlich kann man Regierungen, die aus aktiven oder früheren Mitarbeitern des Finanzsystems bestehen, gar nicht ernst nehmen. Da hat es zumindest eine mutige Aktion gegeben, nämlich das Eigentum der Oesterreichischen Nationalbank zu verstaatlichen und damit die Nationalbank von jenen Banken unabhängig zu machen, die sie prüfen sollte. Aber die Geldpolitik macht nun einmal nicht die OeNB sondern die EZB. Die Bankenrettungspakete sind überhaupt wahnsinnig witzig: Die Banken wurden nicht gerettet, es gibt nur einen Plan für die Zukunft, von dem man heute schon weiß, dass er nicht funktionieren wird, denn die Gelder müssen ja erst in den kommenden "Sparpaketen" mittels Steuererhöhungen von den Bürgerinnen und Bürgern einkassiert werden. Die Banken sind rund um den Globus pleite. Darum kann man getrost so tun, als ob es sie nicht mehr gäbe.
derStandard.at: Aber noch gibt es sie.
Hörmann: Wenn wir uns die Kredite anschauen, können wir sie ignorieren. 1969 hat ein amerikanischer Architekt einen Prozess gewonnen, weil er seinen Hypothekenkredit nicht zurückzahlen wollte. Er hat sich auf den Rechtsgrundsatz berufen, dass in einer Leihe, wo ein Gegenstand erst entsteht, der vorher noch nicht vorhanden war, dieser Gegenstand auch nicht zurückgegeben werden muss. Da also in der Kreditschöpfung das Geld erst erzeugt wird, gibt es keinen Grund, diesen Kredit zurückzuzahlen. In den USA gibt es schon Bürgerrechtsbewegungen, die den Amerikanern empfehlen, sich zusammenzuschließen und Kredite nicht mehr zurückzuzahlen.
derStandard.at: Kommen wir noch einmal auf die Bilanzen zurück. Das Problem fängt Ihrer Ansicht nach schon hier an?
Hörmann: Es mangelt an der Abzählbarkeit der Größen, die in Bilanzen verwendet werden. Jemand, der ein Haus um zwei Millionen statt um eine Million kauft, weil er schlecht verhandelt hat, hätte dann ein um eine Million höheres Eigenkapital? Und wenn er jemanden findet, der es um zehn Millionen kauft, ist das dann ein Marktpreis? Es ist krank. Der Fair Value ist auch ein Betrugsmodell, weil man es mit geschenktem Geld und Strohmännern nachweislich missbrauchen kann. Der Fair Value gehört endlich abgeschafft. Er ist nichts anderes als der sogenannte Gemeine Wert, der Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Deutschen Handelsgesetzbuch eliminiert wurde, weil er auch da schon zu massenhaftem Gründungsbetrug bei Aktiengesellschaften geführt hat. Es ist ein flächendeckender Betrug über Kapitalgesellschaften und Banken in unserem Wirtschaftssystem. Aber das darf die Politik nicht zugeben, weil es zu nahe an jene Formulierungen heranreicht, die früher die Marxisten verwendet haben. Und das wäre ja allzu peinlich. Wobei man natürlich sagen muss, dass der Staatssozialismus und die Planwirtschaft überhaupt nicht funktionieren konnten, weil das ja tatsächlich Terrorregime waren.
derStandard.at: Derzeit werden die Stimmen, dass beispielsweise der Euro verschwinden wird, immer lauter. Brauchen wir Geld überhaupt noch?
Hörmann: Alle Währungen werden verschwinden, weil sie technisch nicht mehr funktionieren können. Ich schätze, dass es schon 2011 so weit sein wird. Wenn wir uns aber in eine neue Gesellschaft ohne Geld retten wollen, brauchen wir als Übergangphase mehrdimensionales Geld. Wir brauchen mehrere unabhängige Rechnungskreise in Form spezialisierter elektronischer Gutscheine. Um die Grundversorgung der Menschen abzudecken, wie Wohnraum, Energie, Lebensmittel usw., könnte man eine Inventur in den einzelnen Ländern aller verfügbarer Ressourcen und des Bedarfs machen. Dann wäre es notwendig, die vorhandenen Ressourcen pro Kopf so zu verteilen, dass für den Basislebensstandard alle versorgt sind. Hier müssen alle kooperieren, ohne dass sie in ein gewinnorientiertes Tauschkonzept verfallen. Die Gemeinschaft muss ohne Wenn und Aber und ohne Gegenleistung Kinder, alte und kranke Menschen erhalten, und alle müssen mit diesem Grundlebensstandard versorgt werden, egal welche oder ob sie überhaupt eine Leistung vollbringen.
derStandard.at: Wir sprechen also von einem bedingungslosen Grundeinkommen?
Hörmann: Genau. Aber nicht in Geld, sondern in Gütern und Dienstleistungen. Im Bereich des Luxus kann die Gesellschaft dann basisdemokratisch entscheiden, für welche individuellen oder Gruppenleistungen Preise ausgeschrieben werden. Für tolle Erfindungen zum Beispiel, oder besonders schwierige oder mühsame Arbeiten. Das ist dann der Ansporn in einem motivierenden, leistungsorientierten Anreizsystem. Es reden ja alle von der Leistungsgesellschaft, aber Zinsen- und Dividendeneinkommen sind keine Leistung, sondern eine Vergütung für Eigentum. Da Geld sowieso eine gesellschaftliche Konstruktion ist, müssen wir uns nicht an der toten Materie orientieren, die in früheren Jahrtausenden die praktische Manifestation von Geld war. Geld selbst besitzt ja lediglich eine Informationsfunktion.
derStandard.at: Noch nehmen wir das Geld aber sehr ernst. Währungskrieg und Währungskrisen geistern durch die Medien.
Hörmann: Der wirkliche Skandal ist, dass unser gesamtes Geldsystem auf Schulden basiert. Das heißt, die Geldschöpfung funktioniert zu 97 Prozent in den Geschäftsbanken. Auch Staaten nehmen so Kredite auf: Die Zentralbanken machen das durch eine Bilanzverlängerung. Über eine Bilanzverlängerung kann man aber kein Geld erzeugen. Die chinesische Staatsbank erfindet auch Geld aus Luft, nur lustigerweise, ohne dass eine Staatsschuld entsteht. Das sollten wir auch machen. Der chinesische Wirtschaftswissenschafter Wu hat bei einem Vortrag an einer amerikanischen Universität gesagt: Er werde oft gefragt, warum es in China so viele Unternehmensgründungen gegeben hat. Die chinesische Staatsbank habe Gründungskredite hergegeben, die waren unverzinst und mussten nicht zurückgezahlt werden. Das kann man natürlich nur als Zentralbank machen, wenn man einseitig bucht und nicht gleichzeitig Schulden erzeugt. Und wenn man dann sagt: Um Gottes Willen, dann gibt's ja Inflation! Das haben die Chinesen über eine Preisregulierung gesteuert und waren damit wieder die Schlaueren. Das will aber bei uns keiner hören, weil das geht gegen das Dogma der freien Märkte, die Blasenmaschinen zum Missbrauch für die Eliten sind.
derStandard.at: Ist China da wirklich ein Vorbild?
Hörmann: Die Chinesen machen es richtig. Sie picken sich aus den beiden politischen Systemen jeweils die Rosinen raus und sind offenbar so flexibel zu sagen: Das, was in unserem alten System gut funktioniert hat, behalten wir bei. Und das, was im kapitalistischen System gut ausschaut, das übernehmen wir. Es ist eine Mischform, die sich noch dazu laufend weiter entwickelt, also einer Evolution unterliegt. Aus Sicht der Elite in China ist es einfach, solange sie es so steuern kann. Ob es für die gesamte Bevölkerung, insbesondere für die Landarbeiter so einfach ist, ist eine andere Frage.
derStandard.at: Wo sehen Sie unser Wirtschaftssystem nun in Zukunft?
Hörmann: Solange Eigentümer etwas produzieren, damit Konsumenten es gegen Geld kaufen, werden wir in absehbarer Zeit in einen Zustand geraten, wo die öffentliche Hand, die Gelderzeuger, die Konsumenten dafür bezahlen müssen, dass sie einkaufen gehen. Nur dann werden die Eigentümer noch ihre Gewinne erzielen können. Denn durch Arbeit in immer stärker rationalisierten und automatisierten Prozessen wird kein Mensch mehr sein Einkommen verdienen können. Wir wissen, dass zehn Prozent der berufstätigen Bevölkerung von ihren Arbeitseinkommen nicht mehr leben können. In Wirklichkeit müssten wir darüber in Freude ausbrechen. Zu Beginn der Industrialisierung war die betriebswirtschaftliche Maßgröße eingesparte Arbeitsstunden. Und genau das ist die einzig sinnvolle ökonomische Größe.
derStandard.at: Sie wünschen sich also eine neue Weltordnung?
Hörmann: Globalisierung richtig verstanden, bedeutet, dass es keine Standortpolitik mehr gibt. Es gibt nur einen Standort, und das ist der Planet Erde. Und es gibt auch nur eine Nation, das ist die Menschheit. Diese ist natürlich vielfältig, und muss liebevoll und empathisch miteinander kommunizieren. Wir müssen auch die Vertreter der sogenannten Elite, dort abholen, wo sie heute stehen. Wir dürfen keine Sündenböcke suchen. Denn wir müssen ihre Verlustängste berücksichtigen und sagen: Ihr werdet zwar etwas verlieren, aber das sind nur Zahlen auf Papier oder Displays. Und wenn ihr mitarbeitet, dann können wir jede Form von Lebensstandard schaffen und zwar für eine breite Bevölkerung. Das schafft dann auch Sicherheit, weil es keinen Neid mehr geben wird.
derStandard.at: In welchem Zeithorizont denken Sie an diese neue Gesellschaftsordnung?
Hörmann: Drei Jahre. Die Frage ist nämlich, schafft es die Menschheit, in drei Jahren dieses Konzept umzusetzen oder wird sie gar nicht mehr bestehen. Wir haben nämlich massenhaft ökologische und soziale Probleme, in vielen Ländern stehen wir kurz vor der Revolution.
derStandard.at: Sie reden also vom ultimativen Crash?
Hörmann: Richtig. Wie die Gesellschaft in Zukunft leben wird oder will, kann nur die Gesellschaft selbst entscheiden und zwar nach dem Mehrheitsprinzip. Das geschieht demokratisch in der Vernetzung. Hierarchische Strukturen können aus informationstheoretischer Sicht nie funktionieren, weil die Personen an der Spitze der Pyramide das Wissen nicht haben. Sie werden von den Schichten darunter permanent belogen. Wie man sich als einfacher Bürger gegen Überwachung oder Schikanen wehren kann, ist bekannt: Man lügt die Mächtigen einfach an. Daher brechen sämtliche hierarchische Systeme, ob das Regierungen, Staaten, Schulsysteme oder Unternehmen sind, momentan zusammen und die Menschheit vernetzt sich über das Internet auf einer Ebene neu, über das "global brain". Hier entstehen dann völlig neue Spielregeln nach dem Prinzip der Emergenz.
Daniela Rom, derStandard.at, 13.10.2010
FRANZ HÖRMANN ist Professor am Institut für Revisions-, Treuhand- und Rechnungswesen der Wirtschaftsuniversität Wien.
Update von Intelligence
Der Wirtschafts-Wissenschaftler Franz Hörmann scheut sich nicht, unser derzeitiges Finanzsystem, welches privaten Banken das Recht einräumt, aus Luft „Geld zu erfinden“, als Betrugsmodell zu bezeichnen. Wie nicht anders zu erwarten, findet sich Dr. Hörmann mit Vorwürfen konfrontiert, unter denen Inkompetenz noch zu den harmlosen zählt. Dass er sich Feinde schafft, ist kein Wunder. Als Nutznießer des herrschenden Finanzsystems betrachtet er eine Elite, deren Reichtum und Macht von der Erhaltung dieses Systems abhängt.
Es war ein Leser, der uns auf dieses Interview mit Dr. Hörmann, Professor an der Wirtschaftsuniversität in Wien, hingewiesen hat. Vielen Dank! Wie sich aus gelegentlichen Kommentaren zu Artikeln über das Finanzwesen erkennen lässt, scheint die Zahl jener Menschen, die noch immer nicht verstanden haben, dass der größte Teil des in Umlauf befindlichen Geldes von privaten Banken kreiert wird, leider noch erschreckend hoch zu sein.
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Rein buchhalterisch funktioniert das System natürlich einwandfrei. Ein Bürger, ein Unternehmen, ein Staat, verfügt über bestimmte Werte. Ein Teil davon wird belehnt, wodurch die Bilanz noch immer im positiven Bereich bleibt. Die Bank, die den Kredit einräumt, erhöht zwar das Geldumlaufvolumen, indem ein bestimmter Betrag auf das Konto des Schuldners gebucht wird, doch verändert diese Transaktion nichts an den Bilanzwerten. Natürlich haftet die Bank mit ihrem Eigenkapital im Falle der Uneinbringlichkeit. Ein Teil der Zinsen wird zur Abdeckung dieses Risikos verwendet.
Es entsteht aber gleichzeitig eine Lücke im Geldsystem, die sich nicht schließen lässt. Nachdem jeder Kredit Zinsen mit sich bringt, erhöht sich das Geldvolumen jeweils um die Höhe neu ausgegebener Darlehen, das Schuldenvolumen jedoch um Darlehen + Zinsen. Dies führt zuerst einmal dazu, dass es einfach nicht genug Geld geben kann, um alle Schulden zu begleichen. Gleichzeitig, nachdem mehr als 95 Prozent unseres Geldes als sogenanntes Buchgeld existiert, würde ein Begleichen aller Schulden auch praktisch alles Geld aus dem Umlauf ziehen. Kurz gesagt, so lange dieses System weiter besteht, muss die Zinslast mitgeschleppt werden.
Dr. Hörmann formulierte die Situation folgendermaßen:
„...Die Zusammenhänge sind auch völlig absurd, wenn man sich Folgendes überlegt: Der Staat verschuldet sich bei den Banken, um die Zinsen der Schulden, die er bei den Banken hat, zu begleichen oder um die Banken zu retten, bei denen er selber Schulden hat. Da versteht ja keiner mehr, wer eigentlich bei wem Schulden hat und was Schulden eigentlich sind.“
Auf die Möglichkeit verweisend, dass der Staat sich Kredite eigentlich selbst geben könnte, erinnert Dr. Hörmann an das Bankensystem in China. Damit schneidet er einen Streitpunkt an, der insbesondere zu Beginn des 20. Jahrhunderts – von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet – zu seriösen Diskussionen geführt hatte. Fällt die Ausgabe und Kontrolle von Geld in den Bereich von Politik oder handelt es sich dabei um ein Privileg von Banken? Nachdem die Konzentration bzw. Kontrolle von Geldwerten zweifellos Macht mit sich bringt, wie konnten es unsere Vorfahren bzw. deren politische Vertreter zulassen, dieses Machtinstrument in die Hände privater Bankiers zu legen? Dazu Dr. Hörmann:
„...Es gibt ein systemisches Betrugsmodell einer Institution, der in unserem Wirtschaftssystem das Monopol zur Geldschöpfung über Kredite eingeräumt wird. Solange man mit Eigenkapital als Sicherheit zur Bank geht und die erzeugt aus Luft echtes Geld, das eine Zahlungsmittelfunktion hat, haben wir ein Problem.“
Wir haben uns daran gewöhnt, Werte in Geld zu messen. Für Vergleichszwecke mag dies durchaus hilfreich sein, doch führt es gleichzeitig zur völlig unberechtigten Akzeptanz von Geld als Realwert. Geld ist ein Tauschmittel, dessen Wert jederzeit beliebig verändert werden kann.
Ein durchaus banales Beispiel dafür wäre, seinen Wohnsitz nach Indien zu verlegen. Verfüge ich über 20.000 Euro, so kann ich in Deutschland, entsprechende Bescheidenheit vorausgesetzt, damit ein Jahr meines Lebens finanzieren. Steht mir die gleiche Geldmenge jedoch in Indien zur Verfügung, halte ich locker fünf Jahre damit durch.
Dr. Hörmann, der sich deutlich von marxistischen Ideen distanziert, geht davon aus, dass alle Währungen verschwinden werden, weil sie technisch nicht mehr funktionieren können. Grundsätzlich rechnet er mit einem endgültigen Zusammenbruch innerhalb der nächsten drei Jahre, schließt aber keineswegs aus, dass dies schon 2011 der Fall sein könnte. Als Übergangslösung zu einem neuen System schlägt er die Einführung „mehrdimensionalen“ Geldes vor. Er formuliert seine Vorstellungen:
„Wir brauchen mehrere unabhängige Rechnungskreise in Form spezialisierter elektronischer Gutscheine. Um die Grundversorgung der Menschen abzudecken, wie Wohnraum, Energie, Lebensmittel usw., könnte man eine Inventur in den einzelnen Ländern aller verfügbarer Ressourcen und des Bedarfs machen. Dann wäre es notwendig, die vorhandenen Ressourcen pro Kopf so zu verteilen, dass für den Basislebensstandard alle versorgt sind. Hier müssen alle kooperieren, ohne dass sie in ein gewinnorientiertes Tauschkonzept verfallen. Die Gemeinschaft muss ohne Wenn und Aber und ohne Gegenleistung Kinder, alte und kranke Menschen erhalten, und alle müssen mit diesem Grundlebensstandard versorgt werden, egal welche oder ob sie überhaupt eine Leistung vollbringen.“
Diese Basisnotwendigkeiten sollten jedoch nicht in Form von Geld, sondern als Naturalien übertragen werden. Gleichzeitig müsste dieses System aber auch die Möglichkeit einschließen, durch gesonderte Leistungen den eigenen Lebensstandard erhöhen zu können.
Nur wenige Stunden nach Erscheinen dieses Interviews bei DerStandard.at, fand sich ein Journalist der gleichen Zeitung, Eric Frey, der Dr. Hörmanns Fundmentalkritik am Geldwesen als „ökonomische Quacksalberei“ bezeichnete, die von sinnvollen Reformen ablenke. Nicht ohne auf die respektable Laufbahn des Hochschullehrers zu verweisen, wirft er diesem aber trotzdem vor, dass weder Geldpolitik noch Finanzwesen, „ja nicht einmal allgemeine Volkswirtschaft“, zu seinen Fachgebieten zählten. Herr Frey weiß es also besser. Er verheimlicht nicht, dass schon einer der größten deutschen Denker, Johann Wolfgang von Goethe, in Faust II diese Art der Geldschöpfung als Magie anprangerte, behauptet aber gleichzeitig, dass noch niemand ein besseres System vorgeschlagen hätte. Wen wundert es, wenn jede neue Idee nicht nur von den mächtigen Nutznießern des Systems, sondern auch von klugen „Experten“ – was immer sie sich erhoffen mögen – im Keim erstickt wird.
Frey findet aber auch ein Argument, mit dem er gewiss viele Menschen anspricht. Das vorherrschende Geldsystem, das sich nach Bedarf expandieren lässt, hat, dank fast grenzenloser Investitionsmöglichkeiten, wesentlich zu einem Fortschritt beigetragen, auf den die meisten von uns gewiss nicht mehr verzichten wollen.
Doch handelt es sich bei Fortschritt wirklich um das einzige Ziel unserer Gesellschaft? Denken wir ganz kurz an Fritz Langs Klassiker, Metropolis, der im Januar 1927 uraufgeführt wurde. Ergibt Fortschritt Sinn, wenn er nicht gleichzeitig zu einer Verbesserung der Lebensqualität führt?
Dr. Hörmann hat im besagten Interview seine Thesen oberflächlich und allgemein verständlich gehalten. Dies führte u. a. zu einer kritischen Stellungsnahme durch Universitätsprofessor Dr. Ewald Nowotny, der seit 2008 die Position des Gouverneurs der Österreichischen Nationalbank bekleidet. Als einen von drei Kritikpunkten führt dieser an, dass Geschäftsbanken Geld keineswegs aus „der Luft erfinden“ und verweist dabei auf jene Regelungen, an die sich Banken bei der Kreditvergabe zu halten haben. Dazu bemerkt er, dass Banken auf der Passivseite ihrer Bilanz über entsprechende Mittel verfügen müssen.
„Entsprechende Mittel“ bedeutet, dass Geschäftsbanken einen Teil ausgegebener Kredite durch Eigenmittel decken müssen. Die neuesten Empfehlungen, die unter dem Begriff „Basel III“ bekannt sind, beziehen sich auf Eigenkapitalanforderungen von insgesamt 10,5 Prozent, was sich wiederum aus verschiedenen Werten zusammen setzt. Ungeachtet der wenig transparenten Mechanismen von Banken, die ein Jonglieren mit diesen Anforderungen erlauben, ungeachtet dessen, dass die Forderungen erst jetzt langsam angehoben werden, allein die Möglichkeit, 100 Euro gegen Zinsen zu verleihen, wenn nur 10 Euro und 50 Cents zur Verfügung stehen, würde wohl jeder von uns gerne in Anspruch nehmen.
Ein Geld- bzw. Wirtschaftssystem, das einen Staat nach dem anderen an die Grenze des Bankrotts treibt, das einen beachtlichen Anteil der Bevölkerung auf Unterstützungen angewiesen sein lässt, das vielen, die hart arbeiten, gerade genügend Mittel übrig lässt, um die Basiskosten ihres Daseins zu bestreiten, gleichzeitig aber unzählige Milliarden in den Händen weniger konzentriert, sollte eigentlich nur schwerlich dazu anregen, es zu verteidigen. Mit Sicherheit ist es aber an der Zeit, dass die Bürger mehr über das Phänomen Geld, das derartigen Einfluss auf unser Leben ausübt, zu verstehen lernen. Letztendlich sind es wir, die regelmäßig für die Fehler dieses Systems zur Kasse gebeten werden.
Kommentar:
Die Begründungen Hörmanns sind nicht richtig, weil unvollständig. Folgendes bewusst komprimiertes Beispiel soll belegen warum:
Man stelle sich eine Stadt mit 1000 Menschen vor, die alles selbst per Arbeit produzieren können, was sie zum Leben brauchen. Dann ist die Summe der Preise aller Produkte am Ende der Wertschöpfungsketten immer höher, als die Summe aller Einkommen, die innerhalb der gleichen Wertschöpfungsketten verdient werden können...logisch. Nur, wie soll das dann funktionieren? Die Kaufkraft der 1000 Menschen reicht ja gar nicht, um den Wert inkl. des Zugewinns (Mehrwert) ihrer selbst erzeugten Waren durch den Vorgang Verkauf-Kauf realisieren zu können?
Einzige "Lösung": das Gesamtkapital muss wachsen, um die Differenz aufzufüllen. Das hat primär mit den Zinsen (zunächst) gar nichts zu tun. Dafür aber sehr viel mit dem Wertschöpfungsprinzip. Dabei handelt sich um das Grundprinzip des Kapitalismus als PRODUKTIONSWEISE selbst und überhaupt, welches nur dann zeitweise funktionieren kann, wenn eine zweite Stadt mit 1000 Menschen hinzukommt, welche die Produkte der ersten Stadt kaufen usw. usf. Innerhalb dieser Verwertungsketten werden dann auch die Kredite getilgt. Zinsen sind nur ein buchungstechnisch-kaufmännisches Abgreifen eines Teilweiteres als spezifischer Mehrwert für die Ware Geld. Selbst wenn man den Zins auf Null setzt, bliebe der Wachstumszwang also erhalten, zumal Mehrwert in jeder Schraube steckt, die hier irgendwo verbaut wurde, in den Wertschöpfungsketten - und der ist zwangsläufig größer als der Zins für den Kredit zur Produktion der Schrauben, damit die Schraubenfirma Gewinn erzielt.
Zins als ursächliches Problem reicht also Begründung nicht aus. Der Fehler liegt nicht in Spekulation oder (nur) im Geldsystem, wie hier suggeriert wird, sondern in der gesamten Art und Weise der Produktion von Wert ganz allgemein...!!!
Die "moderne Wertetheorie" gibt übrigens fundiert Aufschluss darüber (vgl. "exit-online.org). Demnach gibt es nur eine vollständig richtige Lösung - Kapital sei historisch zu überwinden und Wirtschaft auf der stofflichen Ebene zu steuern - also an den Bedürfnissen der Menschen auszurichten, anstatt die Steuerung abstrakten Märkten zu überlassen, die fetsichhaft an Kapital gebunden sind. Mir leuchtet das ein. Herrn Hörmann und seinen Kritikern auch? Das erscheint fraglich.
Die Spekulationsgewinne haben die Marktwirtschaft übrigens am Leben gehalten und bis ins Jahr 2010 getragen. Die Wahrnehmung der VWL-kompatiblen Ansichten stimmt diesbezüglich also auch nicht. Auch darüber gibt die moderne Wertetheorie längst Auskunft (vgl. "Das Weltkapital" von Robert Kurz).
Der Bürger sollte also nicht nur was über Geld, sondern über die innere Logik der Kapitalverwertung und die Warenform insgesamt etwas erfahren. Sonst kann er schwerlich gedanklich den Teufelskreis durchbrechen und emanzipatorische Erkenntnisse gewinnen. Echte Freiheit liegt außerhalb der Marktwirtschaft! Bis man das verstanden hat, ist es scheinbar ein beachtlicher Gedankenweg. Nun denn...
Viele Grüsse aus
Hamburg
Holger Roloff
Unternehmensberater
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Kuno K [Moderator] 01/19/2011 05:32 PM in Bezug auf WellenbeobachterHH
Hallo,
"Man stelle sich eine Stadt mit 1000 Menschen vor, die alles selbst per Arbeit produzieren können, was sie zum Leben brauchen. Dann ist die Summe der Preise aller Produkte am Ende der Wertschöpfungsketten immer höher, als die Summe aller Einkommen, die innerhalb der gleichen Wertschöpfungsketten verdient werden können...logisch. "
Nach der reinen Lehre von Angebot und Nachfrage sollte das ja dazu führen, das die Produkte billiger werden und damit ist das Problem gelöst. Das Problem taucht doch jetzt auf, weil das Finanzwesen einigen Personen in der Stadt Kredite einräumt, damit sie sich die Produkte auch zu den hohen Preisen leisten können.
Das allein wäre noch gar nicht tragisch, aber jetzt kommt hinzu, dass diese Personen das Geld nicht mehr zurückzahlen können, dadurch bekommen die Banken ein Problem, und plötzlich sollen die Personen, die keinen Kredit für die überteuerten Produkte genommen haben, Geld dafür gaben, dass das Finanzwesen bestehen bleibt und alles beim alten bleibt.
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